Winter

Schnee satt in Hochkrimml

Bildergalerie: Österreich – Hochkrimml

 

Der Wetterbericht für unsere diesjährige Schneetour sah kurz vor der Wanderung so aus:

Morgens: leichter Schneefall
Mittags: leichter Schneefall
Abends: Schneefall

Eigentlich keine schlechte Wettervorhersage für eine Schneeschuhtour rund um Krimml im wunderschönen Zillertal. So machten wir uns mit dem Auto auf den Weg Richtung Alpen. Nachdem wir bei Stuttgart noch einen kleinen Schlenker nach Reutlingen machen mussten um den vierten Wanderkameraden abzuholen bekamen wir eine erste Vorstellung davon, was uns Wettertechnisch erwartete.  Auf dem Weg über die Landstraße zur Autobahn sank die Sichtweite dank Nebel auf unter 50 Meter. Mit Schritttempo schlichen wir über die Landstraßen durch die Schwäbische Alb und die einzige Orientierung war lediglich ein Handynavi mit polnischem Sprachpaket. Trotz dieser Hindernisse erreichten wir die Autobahn und konnten die Reise Richtung Alpen fortsetzen.

Unser erstes Ziel war ein Ski-Ort namens Gerlos, eine verbaute Touristenhochburg in der mehr holländisch als Deutsch gesprochen wurde. Nach kurzer Suche und ersten Kontakten mit der einheimischen Bevölkerung hatten wir unsere Schneeschuhe vom Verleih abgeholt und fuhren weiter zur Finkauer Hütte (ca.1400 Hm) dem Startpunkt unseres Trips. Nach einem, zugegeben etwas verfrühten, einheimischen Siegerbier zogen wir im Nieselregen das Wilgerlostal hinauf zur Zittauer Hütte (ca. 2300 Hm). Schon nach den ersten Metern mussten wir feststellen, dass die Schneeschuhe zu unseren wichtigsten Ausrüstungsgegenständen gehörten, denn unmittelbar nach dem Verlassen des befestigten Wirtschaftsweges sank man sofort bis zu den Knien im nasskalten Schnee ein. Mit jedem Höhenmeter den wir emporstiegen fiel die Anzeige des Thermometers und damit auch die Sichtweite. Der Regen wurde langsam zu Schnee und der Wind peitschte die Schneeflocken wie kleine Eisdolche in unsere Gesichter. Das versteht man in den Alpen also unter „leichtem Schneefall“.

Vom Regen in den Schnee

Wir folgten dem Tal weiter den Berg hinauf, bis wir auf ein unerwartetes Hindernis stießen. Das Tal endete an einer etwa zweihundert Meter hohen Steilwand. Diese Steilwand war alles was uns nocch von dder Hütte trennte und so machten wir uns daran, die Wand zu erklimmen. Die Stöcke wurden zu Eispickel umfunktioniert und mit unseren Schuhen hauten wir uns Stufen in den festen Schnee. Das funktionierte gut bis wir auf eine Stelle stießen an der eine Steinplatte unter dem Schnee das weiterkommen unmöglich machte. Jetzt wurde es prenzlig, ein Abstieg kam nicht mehr in Frage und ein weiterkommen war unmöglich. Uns war klar, dass wir uns in Gefahr befanden, und jeder machte sich im Kopf schon einmal mit der Möglichkeit vertraut in einer Schneehöhle zu übernachten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit in der Wand bei schwindendem Tageslicht und eisigem Wind fanden wir endlich eine Stelle an der wir die Steinplatte passieren konnten, und erklommen die Spitze der Steilwand. Oben angekommen konnten wir auch schon die Hütte sehen und mobilisierten unsere letzten Kräfte um die Hütte in völliger Dunkelheit im Schein unserer Kopfleuchten zu erreichen. Einer unserer Wanderkameraden musste die letzten Meter sogar auf allen Vieren zurück legen, da eine Schnalle an seinem Schneeschuh gerissen war und es in anderthalb Meter hohem Neuschnee anders kein Vorwärtskommen mehr gab.

Der Winterraum der Zittauer Hütte war spartanisch aber gemütlich eingerichtet. Ein Zehn Personen Bettenlager bot uns vier ausreichend Platz und ein Holzofen aus Vorkriegszeiten spendete eine wohlige Wärme. Abgerundet wurde lles noh durch einen Tisch mit Stühlen und einer urigen Holzvertäfelung der Wände. Überglücklich über unsere Bleibe stärkten wir uns beim Abendessen und ließen den Tag mit verschiedenen Kartenspielen ausklingen.

Die nachfolgende Karte zeigt die Schneeschuhwandertour mit Start- bzw. Endpunkt sowie der Übernachtungsstätte in der Zittauer Hütte.

Weißes Pulver soweit das Auge reicht

Am nächsten Morgen erlebten die ersten Toilettengänger eine böse Überraschung. Es hatte die ganze Nacht über geschneit und etwa fünfzig Zentimeter Neuschnee versperrten uns den Weg nach draußen. Nachdem wir per SMS darüber informiert wurden, dass die höchst mögliche Lawinenwarnstufe für unser Gebiet herausgegeben wurde und die Sichtweite dank anhaltender Schneefälle und Nebel etwa dreißig Meter betrug war uns klar, wir saßen hier fest. Jetzt waren wir offiziell eingeschneit. Nachdem wir mit einem Telefonanruf dem Hüttenwirt der Finkauer Hütte signalisiert hatten dass es uns gut geht, taten wir das einzig sinnvolle was vier eingeschneite Männer machen konnten. Wir begannen draußen mit den Unmengen Schnee eine Schneebar zu bauen! Um den Hüttentag nicht komplett zu verschwenden griff jeder zu einer Schaufel und machte sich an ehrgeizige Projekte heran. So wurde nicht nur die Schneebar gebaut, sondern auch eine Schneehöhle gegraben in der sich vier Personen bequem aufhalten konnten. Das Richtfest wurde natürlich in der Schneehöhle gefeiert und zünftig begossen.

Zum Abschluss räumten wir noch den Weg zum Plumpsklo und zum Holzlager frei. In den späten Nachmittagstunden klarte das Wetter plötzlich auf und der schwindende Nebel gab uns den Ausblick auf unsere Umgebung frei. Die Hütte ist wunderschön an einem See gelegen und bietet eine spektakuläre Aussicht ins Tal durch das wir am Tag zuvor aufgestiegen waren. Durch das gute Wetter ermutigt sanden wir einen „Erkundungstrupp“, bestehend aus Heiko und Kamil aus, die eine mögliche Route für den Abstieg erkunden sollten. Uns war klar, dass wir die Tour angesichts der Schnee und Lawinenlage selbst bei gutem Wetter nicht mehr fortsetzen konnten. Als der Trupp mit guten Neuigkeiten zurück kehrte beschlossen wir am nächsten Tag den Abstieg zu wagen. Wie am Abend zuvor läuteten wir die Nacht mit Abendessen und Kartenspielen ein.

Gratwanderung

Am nächsten Morgen zeigte das Wetter kein Mitleid mit uns. Es herrschte immer noch dreißig Meter Sichtweite und der Schneefall hatte auch nicht nachgelassen. Wir beschlossen trotz der wiedrigen Umstände den Abstieg zu wagen. Also machten wir uns und den Winterraum abreisefertig. Da wir noch auf eine Wetterbesserung im Laufe des Tages hofften, verschoben wir unseren Aufbruch auf zwei Uhr Mittags. Das war der spätest mögliche Zeitpunkt um es noch sicher im Hellen den Berg runter zu schaffen.

Die Wetterbesserung kam nicht. Also brachen wir auf in das weiße nichts, bei dem man nicht einmal mehr sagen konnte, wo der Boden aufhört und der Himmel anfängt. Die ersten Meter konnten wir uns noch an Stöcken orientieren die zur Wegmarkierung in den Boden gerammt wurden. Dadurch kamen wir relativ zügig an die Felswand die uns zwei Tage zuvor bei dem Aufstieg so große Probleme bereitet hatte. Zu unserem Glück klarte das Wetter kurz auf und man konnte für einige Sekunden die Felswand nach einer passierbaren Stelle absuchen, bevor die nächste Wolke uns wieder jegliche Sicht nahm. So wanderten wir an der Kante der Steilwand entlang, nur um festzustellen, dass die von weitem passabel aussehenden Steigungen sich bei näherer Betrachtung als gefährlich und unpassierbar erwiesen.

Zu allem Überfluss stießen wir noch auf ein weiteres Hindernis, die Wildgerlos, der Bach, der unser nun nicht mehr ganz so romantisches Tal formte. Nicht ahnend das Ihm dieser Bach zum Verhängnis werden könnte, versuchte unser Wanderkamerad Patrick entschlossen den Bach auf einer natürlichen Schneebrücke zu überqueren. Auf der Hälfte des Weges, gerade als wir uns aufmachten ihm zu folgen, brach er plötzlich ohne Vorwarnung bis zum Bauch in den Schnee ein. Verunsichert blieben wir stehen, keiner konnte den Ernst der Lage einschätzen, da er auch keinen Versuch unternahm sich zu befreien. Als erstes reagierte Christian und reichte Patrick seinen Wanderstock an dem er sich dann aus dem Loch ziehen konnte. Als wir in das Loch hinein sahen, erkannten wir die Gefahr in der unser Kamerad sich befand. Der Bach hatte eine etwa einen Meter hohe Höhle unter dem Eis ausgehölt in die Patrick um ein Haar gefallen wäre. Er konnte keinen Befreiungsversuch unternehmen, weil seine Beine den Boden nicht berührten. Nach diesem haarsträubenden Zwischenfall querten wir den Bach an einer sicheren Stelle und gingen respektvoller aber wesentlich entschlossener auf die Suche nach einem Abstieg.

Grundinformationen zur TourHier klicken um die Information zu verbergen

Österreich: Hochkrimml

Lage: Zillertaler Alpen

Zeit: 4 Tage (17.03. – 20.03.2011)

Strecke: ca. 15 km

Schwierigkeit Winter: mittel bis schwer

Teilnehmer: Heiko, Christian, Patrick und Kamil

Wegpunkte: Gerlos – Krimml – Finkau – Zittauer Hütte

Pro: perfekte Schneeverhältnisse, Routen vielfältig zusammenstellbar, geöffnete Winterlager, gelegentliche Herausforderungen auf den Wegstrecken

Contra: Wegfindung im Winter schwer, Lawinengefahr, nicht immer für Scheeschuhtouren geeignet

 

Nach einigen hundert Metern hatten wir dann auch endlich eine Stelle gefunden an der wir den Steilhang relativ gefahrlos absteigen konnten. Es begann das übliche Spiel das wir alle nur zu gut kannten, Schneeschuhe abnehmen, am Rucksack verstauen, Trekking Stöcke einfahren, Schneeteller abmontieren. Als wir uns aufmachten den Hang langsam und kontrolliert in Serpentinen abzusteigen, erlaubte uns das besser werdende Wetter einen Ausblick auf die benachbarten Hänge, von denen schon einige Lawinen gut sichtbar vor kurzer Zeit abgegangen waren. Es würden nicht die einzigen bleiben. Bereits nach der ersten Serpentine trat Christian, der zweite Mann in unserer Kolonne ein Schneebrett los. Während wir erschrocken einen Satz zur Seite oder nach oben machten um nicht mitgerissen zu werden, rammte Christian geistesgegenwärtig seinen Trecking Stock in den Schnee um sich daran festzuhalten. Damit zerbrach er zwar einen seiner sündhaft teuren Trekking Stöcke, aber angesichts der Alternative, unter einer Lawine zu landen, war das ein vertretbares Opfer.

Währenddessen bahnte sich das anfangs überschaubare Schneebrett seinen Weg ins Tal und wurde dabei immer größer und mächtiger, bis das zur amtlichen Lawine angeschwollenen Schneebrett im Tal in einer riesigen Schneestaubwolke ausrollte. Ungläubig starrten wir uns an. Wir mussten hier weg, und zwar gleich! Während Christian noch die Trümmer seines Wanderstockes im Schnee suchte machte sich Kamil, der erste in der Kolonne, daran auf dem harten Schnee den die Lawine übrig gelassen hatte den Abstieg langsam fortzusetzen. Die ersten drei Schritte sahen ganz gut aus, dann verlor er aber auf dem glatten Schnee den Halt und rutschte auf seinem Hintern den Hang ein gutes Stück hinunter. Von unserer Perspektive sah diese Art der Fortbewegung am Hang sehr vielversprechend aus. Also, Hintern in den Schnee und mit einem Wahnsinns Tempo den Berg hinunter. Innerhalb von dreißig Sekunden hatten wir den Hang der uns zwei Tage zuvor Stunden gekostet hatte bezwungen.

Überglücklich der Gefahr entkommen zu sein und vollgepumpt mit Adrenalin durch die wilde Abfahrt bejubelten wir unser Überleben und machten uns aus der Gefahrenzone davon. Sobald es uns sicher genug erschien stoppten wir für eine kleine Pause und gönnten uns einen dringend notwendigen Beruhigungsschnaps. Mit dem Wissen im Gepäck, dass uns nun nichts mehr passieren konnte setzten wir unseren Abstieg gut gelaunt mit Wortspielen durch das Wildgerlostal zu unserem Auto fort.

Am Auto angekommen musste jetzt nur noch eine Schlafgelegenheit für die Nacht gefunden werden. Wie wir nach einem Telefonanruf herausgefunden hatten, war unsere ursprüngliche Zielhütte völlig eingeschneit und nicht einmal mehr mit dem Skido zu erreichen. Da in der Finkauer Hütte auch nichts frei war fuhren wir die umliegenden Skiorte ab um eine Unterkunft zu ergattern. Schließlich kamen wir in Gerlos in einem Bed and Breakfast Hotel unter. Nach einer (dringend) nötigen Dusche wurde das erste urige Lokal gestürmt und zur Feier des Tages gab es richtig stämmige Hausmannskost. Gesättigt pilgerten wir noch zur nächste Apres-Ski Bar und feierten bei holländischer Musik und holländischem Bier unseren Sieg über den Berg.

Als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster sahen konnten wir es nicht fassen: Strahlend schönes Wetter bei klarem, blauen Himmel. Das Wetter hätten wir für unsere Wanderung gebraucht. Timing ist eben alles. Nur mit Wiederwillen machten wir uns auf den Heimweg, aber nicht ohne noch für ein paar Schnapsschüsse anzuhalten.

Von Heiko Heller

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