Erste Hilfe

Gerade beim Wandern und Bergsteigen kann ein falscher Tritt und eine kurze Unaufmerksamkeit zu folgenschweren Unglücksfällen führen. Die Unfallstatistik des DAV zeigt, dass immer mehr Wanderer in den Bergen verunglücken. Allein im Jahr 2010 stieg nach DAV-Statusbericht die Anzahl der Notfälle (bei DAV-Mitgliedern) um rund 16 % auf 1833 Unglücksfälle. Umso wichtiger ist es, in Notfällen effektive Erste Hilfe bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes durchzuführen. Leider werden die wichtigen Themen wie Erste Hilfe und Reiseapotheke bei Trekkern oft vernachlässigt.

Erste Hilfe als wichtiger Bestandteil der Tourenvorbereitung

Ein Beitrag von Kamil Glowatz*

* Kamil Glowatz ist 26 Jahre alt und leistete mit 18 Jahren seinen Zivildienst als Rettungshelfer beim Deutschen Roten Kreuz in der Notfallrettung (Rettungsdienst) ab. Es folgte anschließend eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und verschiedene Einsätze und Praktika auf Lehrrettungswachen und Kliniken. Seit acht Jahren ist Kamil auch weiterhin regelmäßig neben seinem Studium in der Notfallrettung tätig. Aufgrund der mehrjährigen Wandererfahrung weiß er auch um die besonderen Gefahren, die für die Gesundheit speziell auf Wandertouren lauern können. Bei alternativroute.de ist er in erster Linie für die Erste Hilfe in Notfallsituationen zuständig und richtet je nach Reiseziel auch die Reiseapotheke ein.

Erste Hilfe beginnt im Kopf – Eine Sensibilisierung

 

Flussüberquerung auf nassen Holzbrettern

Flussüberquerung auf nassen Holzbrettern

Unsere Gesundheit ist ein unverzichtbares und kostbares Gut, egal wo wir sind und was auch immer wir gerade tun. Das liest sich erstmal schön. Ich möchte es für das Wandern und Bergsteigen daher ein wenig krasser ausdrücken: Unsere Gesundheit steht gerade auf entlegenen Expeditionen an höhster Stelle, noch höher als jeder Gipfel, den wir jemals bestiegen haben oder noch erklimmen möchten. Soweit die Theorie. Das Rangverhältnis sollte nun geklärt sein.

In der Praxis wird die Theorie gerne mal verworfen, was letztlich auch die steigenden Unfallzahlen des DAV belegen. Theorie klingt trocken und Praxis dagegen freudig, abwechslungsreich und viel spannender – hier drohen aber auch die großen Gefahren, gerade in der Wildnis. Deswegen verabschieden wir uns gerne sehr schnell von unseren Theorien und Regeln - besonders in stressigen Ausnahmesituationen, wo wir sie aber dringend benötigen. Daher müssen wir zuerst Erste Hilfe im Kopf betreiben. Und dazu sind wir nicht immer auf fremde Hilfe angewiesen. Theorien und einprägsame Methoden sowie Vorgänge geben nämlich auch Halt und Orientierung, gerade wenn man sich in einer Extremsituation befindet.

Schweress Gepäck und große Felsbrocken erschweren die Flußüberquerung
Schweres Gepäck und große Felsbrocken erschweren die Flußüberquerung

Gefahrenbewusstsein schaffen

Dazu muss man aber erstmal erkennen, dass eine solche vorliegt. Das ist gar nicht so einfach wie folgendes Beispiel zeigt: Erfahrene Trekker werden sich den hohen Gefahren für die Gesundheit erst im Nachgang ihrer Tour im Klaren, wenn sie Bilder betrachten oder von ihren Erfahrungen erzählen und dabei denken oder sogar offenbaren: “Mensch, jetzt im Nachhinein betrachtet war das doch eine sehr gefährliche und heikle Angelegenheit, da hing ich gerade noch an einem Stück Seil… oder … der nächste Tritt hätte mich in den Abgrund geführt. Was normalerweise von einem teuer bezahlten Stuntmen mit Vollsicherung inszeniert wird, zeigen wir leichtfertig im Urlaub selbst auf. Einfach Hirn aus und rein in die Berge – es wird schon nix passieren – Blödsinn! Im Alltag setzen wir uns selten Extremsituationen aus, zumindest provozieren wir sie nur sehr selten. Auf ausgiebigen und extremen Wandertouren können sie aber ganz schnell auftauchn. Und dann sollte man sich zumindest an die Theorie oder bestimmte erlernte Regeln wie diese hier erinnern: Gesundheit vor Gipfel!

Installierte Hilfsmittel unbedingt nutzen
Installierte Hilfsmittel unbedingt nutzen

Bei Wanderungen ist daher eines immer enorm wichtig: Jeder vernünftige Trekker muss den Mut aufbringen können, auch mal “NEIN” sagen zu können, wenn es zu brenzlig wird. Und dass an dieser Überlegung nichts falsch sein kann zeigen auch die Dokumentationen und Interviews von Extremsportlern, die schon zahlreiche Gipfel bestiegen haben. Erfahrene Bergsteiger, die eine Expedition kurz vor dem Ziel abbrechen oder gar nicht antreten, berichten gerne, der Berg habe ihnen eine “Warnung” gegeben oder er habe sie nicht “gerufen”. So what? Sind sie nun Versager? Ganz und gar nicht. Sie bringen nämlich den Mut und die größte Stärke zum Ausdruck – auf den Berg oder vielmehr auch auf das Bauchgefühl zu hören. Und dass das Bauchgefühl gar nicht so oft trügt wissen wir alle. Dazu müssen wir auch keine Extrembergsteiger sein.

Sind erfahrene Bergsteiger dabei, so kann man sich bei diesen gute Tipps holen. Menschen die ortskundig sind oder langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet des Trekking haben können beispielsweise auf hilfreiche Umgehungsrouten oder gefährliche Pässe hinweisen und so Gefahrensituationen vermindern. Die Einschätzung der Mitreisenden ist daher nicht ganz unwichtig. Schließlich ist man meist nicht alleine unterwegs. Denn begibt man sich selbst in eine Gefahrensituation so zieht man die Weggefährten automatisch mit.

Fazit: Entwickle ein Bewusstsein für Risiko- und Gefahrensituationen, höre auf dein Bauchgefühl und versuche verschiedene brenzlige Situationen abzuwägen. Denke immer daran: Gesundheit ist höher als jeder Berg! Damit hat man schon den ersten großen Teil der Reiseapotheke in sein Gehirn gepackt – und dabei jede Menge Platz und Gewicht im Rucksack gespart.

Wichtige Regeln erlernen

 

Sollte es doch einmal zu einem Unglücksfall kommen ist die erforderliche Erste Hilfe meist situationsabhängig. Und hier beginnt das große Problem. Was muss ich in einer bestimmten Situation tun? Mache ich alles richtig oder nur noch schlimmer? Wer hat sich diese Fragen noch nicht gestellt. Wer kennt diese Floskeln nicht: “Verhalten Sie sich ruhig” oder „Bewahren Sie einen kühlen Kopf“. Das ist Blödsinn. Das Gegenteil ist der Fall. Bei einem Notfall sind Laienhelfer oftmals durch den Wind und meistens selbst völlig hilflos und gelähmt. Wie sollen Sie dann noch anderen Menschen, die wirklich in Gefahr sind überhaupt helfen können?

Besuch eines Erste-Hilfe Kurses

Eine wichtige Möglichkeit sich auf solche plötzlich auftretenden Situationen einigermaßen vorzubereiten und bestimmte Grundszenarien zu erlernen wird in meist zweitägigen Erste Hilfe Kursen bei Hilfsorganisationen in der Nähe angeboten – der eintägige Kurs „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ bringt natürlich auch den gewünschten Erfolg, ist jedoch nur auf einen Tag beschränkt. Und sind wir mal ehrlich: Der Kurs war damals ein notwendiges Übel für unseren Führerschein. Viel Stoff in einer knappen Zeit und dann liegt das ganze auch schon Jahre zurück. Eines kann ich versichern: Es hat sich sehr viel in der Ersten Hilfe getan. Insgesamt wurde vieles für Ersthelfer erleichtert. Es sollte also keine Angst mehr vor dem Retten bestehen, denn jeder kann irgendwie seinen Beitrag leisten. Manchmal genügt schon ein Anruf bei der Rettung – das wird man von jedem verlangen können. Und wer heute noch glaubt er müsse bei einer Wiederbelebung eine “eklige” Atemspende durch Mund oder Nase geben, der irrt! Das ist nicht unbedingt notwendig und nur ein Beispiel für die Vereinfachung der Erste-Hilfe-Regeln.

Information zu Anbietern von Erste-Hilfe KursenHier klicken um die Information zu verbergen

Erste Hilfe oder LRSM-Kurse werden vielerorts von den großen Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem Malteser Hilfsdienst, der Johanniter Unfallhilfe, dem Arbeiter-Samariter-Bund oder von Privatorganisationen wie M.A.U.S angeboten.

Der Erste-Hilfe-Kurs dauert 8 Doppelstunden á 90 Minuten und umfasst 16 Unterrichtseinheiten. Die Kurszeiten sind meistens auf zwei Tage in der Woche aufgeteilt, überwiegend am Wochenende. Die Kosten belaufen sich hier auf etwa 50-60 Euro für die Teilnahme.

Der Kurs Lebensrettende Sofortmaßnahmen erstreckt sich auf die Hälfte der Zeit, also 4 Doppelstunden á 90 Minuten. Er ist Mindestvoraussetzung für den “normalen” Führerschein und wird auch als “kleiner Erste-Hilfe-Kurs” bezeichnet. Er wird meist an einem Tag angeboten. Die Kosten variieren stark, können im Einzelfall auf bis zu 25 Euro steigen. Wegen der Kürze der Zeit können nur sehr wichtige Themen angesprochen werden. Hierzu gehören v.a. simulierte Unfallsituationen, also Rettungsmaßnahmen, die von Autofahrern beherrscht werden sollten. Hinzu kommt der Themenkomplex Vitalfunktionen.

Regeln helfen uns eine Stresssituation zu bewältigen
Regeln helfen uns eine Stresssituation zu bewältigen

In diesen Kursen lernt man vor allem Regeln kennen und diese sind wiederum wichtig für Stressituationen. Sie helfen uns bei der Orientierung und damit auch die richtigen Schritte einzuhalten – egal wie schwer die Verletzung gerade ist. Wir kennen solche Schemata beispielsweise von “Regeln” für Verkehrsunfälle: 1. Unfallstelle absichern 2. Erste Hilfe leisten (Sofortmaßnahmen) 3. Notruf absetzen 4. Weitere Erste Hilfe. Selbst bei größter Nervosität kann man sich an diese Anker gut erinnern. Bei der Ersten Hilfe ist es genauso. Wir bekommen Anker gesetzt und lernen, welche Schritte in bestimmten Situationen durchzuführen sind. Das bietet uns insbesondere Schutz davor, wie paralysiert vor einer Notfallsituation zu stehen.

Folgende Besonderheiten erschweren die Erste-Hilfe  auf Wandertouren:

  • Qualifizierte, bodengebundene Hilfe oder die Rettung aus der Luft kann sich oft Minuten, Stunden oder sogar Tage hinziehen.
  • Schwierige bis unmögliche Bergungen aus gefährlichen, unwegsamen Gelände. Ortsbestimmung ohne GPS
  • Schlechte oder nicht optimale Wetterbedingungen (extreme Kälte, Wärme, Schnee, Eis usw.)
  • Schlechte oder keine Handyverbindung
  • Begrenztes oder kein Equipment für eine effektive Erste Hilfe

Der Erste Hilfe Kurs sollte daher vor einer Tour aufgefrischt und alle paar Jahre wiederholt werden. Natürlich kann man sich auch mit der einschlägigen Literatur auseinandersetzen – praktische Fallbeispiele in Kursen können aber realitätsnah simuliert werden. Hierbei lernt man oftmals mehr.

Im Erste Hilfe Kurs werden alle notwendigen und überlebenswichtigen Handgriffe gezeigt. Das zweitägige Programm ist vollumfassend und enthält wichtige Bestandteile wie z.B. die Bergung aus Gefahrensituationen, Anlegen eines Verbandes, Schienen von Extremitäten, Überprüfen der Vitalfunktionen usw. Daher wird hier aufgrund des großen Umfangs nicht im Einzelnen auf alle Aspekte der Ersten Hilfe eingegangen. Wichtige Erkrankungen, die in den Bergen vermehrt auftauchen werden im Rahmen der Reiseapotheke unter 5. erläutert.

Eine gut gepackte Reiseapotheke ist sinnlos, wenn die Grundzüge der Ersten Hilfe nicht beherrscht werden. Gerade diese sind aber in Notfallsituationen überlebenswichtig. Pflasterchen, Medikamente und Vitaminpräparate sind hier erstmal zweitrangig.

Fazit: Die Grundkenntnisse der Ersten Hilfe müssen wiederholt werden. Nur wer bestimmte Regeln und gewisse Abläufe in Fallbeispielen erlernt hat kann wirklich effektive Hilfe in leichten und schweren Unglücksfällen leisten.

Nach der Sensibilisierung für Gefahrensituationen und dem Erlernen grundlegender Erste-Hilfe-Situationen geht es zur Vorbereitung der Reiseapotheke für Wanderer und Bergsteiger.

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