Jotunheimen Reisebericht

Jotunheimen Nationalpark

separator

Eine Erlebnisreise in das Reich der Trolle.

„Heim der Trolle“ – so lautet die wörtliche Übersetzung des Jotunheimen Nationalparks. Den Namen verdankt die Landschaft mit den beiden höchsten Gipfeln Norwegens Galdhopiggen (2.464 m) und Glittertind (2.452 m) einem norwegischen Dichter, der insbesondere von der nordischen Mythologie inspiriert wurde.

Auch wenn weit und breit keine Trolle zu erblicken sind, zieht es alljährlich tausende Touristen in das rund 3.500 Quadratkilometer große Wandergebiet 350 km nördlich von Oslo. Wanderbegeisterte lassen sich vor allem von der herrlichen Landschaft und den zahlreichen Tälern, die von hohen Gipfeln umgeben werden, inspirieren. Besonders bekannt ist der Jotunheimen für den Bessegengrat, der sich oberhalb des Gjendesees von Gjendesheim zur Memurubu-Hütte hinzieht. Dabei führt ein spektakuläres Teilstück über einen schmalen Felsrücken zwischen dem Gjendesee und dem Bessvatnet.

Reiseführer empfehlen als beste Reisezeit den Zeitraum zwischen Juni und Ende August. Wer sich danach noch ins Gebirge wagt muss jederzeit mit starken Temperaturschwankungen und plötzlichem Schneeeinbruch rechnen. Auf unserer neuntägigen Wandertour durch den Jotunheimen konnten wir trotz dieses Risikos noch Mitte September eine wunderschöne Herbstlandschaft mit zahlreichen Sonnenstunden vorfinden, während wenige Tage später die ersten Berggipfel mit Schnee überdeckt wurden und schließlich auch im Tal die ersten Schneefälle für ein winterliches Ambiente sorgten.

Für unsere Trekkingtour durch den Jotunheimen wählten wir bewusst eine außergewöhnliche und selbst zusammen gestellte Route. Den Einstieg in diese Tour machten wir wenige Kilometer vor Gjendesheim im Tal des weniger bekannten Leirungsdalen. Damit wollten wir unbedingt dem typischen Touristenweg über den Bessegengrat entfliehen, wobei wir uns diesen für die letzte Etappe „aufheben“ wollten.

Die Karte zeigt unsere alternativroute und Übernachtungspunkte im Jotunheimen Nationalpark:

 Tag 1: Letzte Vorbereitungen in Oslo

Nachdem wir uns an den Tagen zuvor im Supermarkt mit Lebensmitteln für unsere 9-Tagestour durch den Jotunheimen eingedeckt haben, ging es auch schon los: mit dem Flugzeug von Frankfurt Hahn nach Oslo Torp, wo wir spät abends landeten. Von dort aus brachte uns ein direkt vor der Ausgangstür wartender Bus in die Stadtmitte von Oslo. Die erste Nacht haben wir von zu Hause aus im Anker Hostel gebucht, das direkt in der Nähe des Busbahnhofs liegt. Die Spannung und Aufregung, dass es am nächsten morgen los geht, war bei uns beiden sehr groß!

Tag 2: Leirungsdalen

Mit dem Norekspressen Überland-Bus ging es von Oslo Zentrum Richtung Gjendesheim. Da wir allerdings außerhalb der Saison loszogen, fuhr der Bus nur bis ca. 30 km vor Gjendesheim, bis nach Beitostolen. Dort angekommen – hier gibt es einige Hotels, Restaurants, Pubs und Einkaufsmöglichkeiten – wollten wir als Tramper zum Ausgangspunkt unserer Tour gelangen. Nach 45 Minuten haben wir das aber wieder aufgegeben, da in dieser Zeit nur eine Handvoll Autos vorbeigefahren sind und diese offensichtlich nicht weiter Richtung Norden gefahren sind.

Also, ab gings ins nächste Taxi! Vor der Tour haben wir uns entschieden, an einem Parkplatz einige Kilometer vor Gjendesheim in die Tour durch das Tal Leirungsdalen einzusteigen. Der Parkplatz war relativ leicht zu finden, da man von der Straße aus schon den Besseggengrat erkennen kann und der Parkplatz eine Art halbkreisförmigen Aussichtspunkt darstellt.

Wir stiegen aus dem Taxi aus und waren sofort überwältigt von dem tollen Anblick der Berge, Seen und der Weite des Landes! Die Sonne schien und es konnte endlich richtig losgehen! Weg von der Zivilisation, endlich Ruhe und endlos schönes Fjellgebirge. Der erste Tagesabschnitt führte uns durch Fjellwiesen, über Brücken und Flüsse durch das schöne Tal Leirungsdalen. Anfangs etwas moorig ging es dann später immer entlang des Flusses durch das Tal. Nach ca. 3,5 h haben wir einen tollen Zeltplatz am Fluss gefunden und es uns dort gemütlich gemacht. Die erste Nacht im Zelt, bei klarem Himmel, Kälte und guter Pasta-Mahlzeit war super.

Tag 3: Svartdalen

Am nächsten Tag ging es weiter das Tal Leirungsdalen entlang. Viele Flüsse und Bäche, die an den Bergen herunterfließen, mussten überquert werden – Spannung pur! Dann ging es einen steilen Aufstieg auf eine Hochebene hinauf, auf der sich wiederum weitere Bergzüge erheben. Wir umquerten zwei Seen bevor ein weiterer Aufstieg an unseren Kräften nagte. Auf dem Plateau angekommen mussten wir nochmals um einen See herum. Mittlerweile hatte sich die Wanderung zu einer großen Herausforderung entwickelt, da auf diesen Höhengraden (ca. 1.600m) mittlerweile schon Schnee lag und von Fjellwiesen nicht mehr viel zu sehen war. Viel mehr galt es, von einem riesigen Felsbrocken zum nächsten zu springen ohne dabei auf der glatten, schneebedeckten Oberfläche auszurutschen.

Anschließend mussten wir einen sehr steilen Abstieg ins Tal Svartdalen meistern. Ursprünglich hatten wir vor an diesem Tag bis nach Gjendebu zu wandern, aber da hatten wir uns total verschätzt! Nach weiteren 1,5h haben wir – mit dem Einssetzen der Dämmerung – einen Zeltplatz gefunden. Das war nicht ganz einfach, da auch im Tal Svartdalen sehr viel Steinbrocken die Landschaft prägen und das Wetter immer rauher wurde. Unser Zelt beschwerten wir auf dem moorigen Gelände mit zusätzlichen Felsbrocken, um eine halbwegs ruhige Nacht genießen zu können. Schon am zweiten Wandertag hatten wir eine sehr anstrengende und erschöpfende Tour (7,5h) hinter uns – die so nicht ganz geplant war.

Tag 4: Vesladalen

Nach diesem Erlebnis gestern hatten wir unseren ursprünglichen Pläne, über Olavsbu nach Leirvasbu, Spliterstulen und Glitterheim zurück nach Gjendesheim zu wandern, über den Haufen geschmissen. Mit unseren knapp 25 kg Gepäck, darunter die Verpflegung für neun Tage, wären die Touren einfach nicht möglich gewesen.
Dafür entschlossen wir uns nun nach Gjendebu, Olavsbu, über Storadalen zurück nach Gjendebu, Memurubu und Gjendesheim zu wandern.

Für heute galt es also durch das Tal Svartdalen nach Gjendebu zu gelangen. Nachdem wir das erste Mal den wunderschönen, smaragdgrünen Gjendesee sahen ging es steil bergab Richtung Gjendebu. Vom Gipfelkamm aus konnten wir die wunderschöne Aussicht über alle Täler in sämtliche Himmelsrichtungen genießen und sahen unten im Tal die goldenfarbenen Bäume strahlen.

Nach ca. 3h hatten wir die Hütte Gjendebu erreicht. Dort haben wir unser schweres Gepäck abgestellt und uns Richtung Gjendetunga aufgemacht. Der Anstieg dort hinauf (rund 600 Höhenmeter) war sehr steil und an manchen Stellen waren kleine Kletterpartien zu absolvieren. Mit einem schweren Rucksack wäre das wohl nur mit entsprechnder Sicherung machbar gewesen.

Auf dem Gipfel angekommen hat es zwar sehr stark gewindet, doch wurden wir durch die hervorragende Aussicht über die Täler neben uns und den riesigen Gjendesee direkt vor uns mehr als entschädigt. Ein toller Ausblick!

Nachdem wir wieder unten im Tal waren sind wir noch ca. eine Stunde das Tal Vesladalen entlang gelaufen, wobei dies eigentlich unsere morgige Etappe war. Etwas abseits des Pfades haben wir auf einer Anhöhe einen herrlichen Zeltplatz im weichen Fjell gefunden, der uns einen tollen Blick über den Gjendesee, den Besseggen-Grat und die umliegenden Bergketten lieferte. Dort das aus Spaghetti Carbonara bestehende Abendessen einzunehmen und die Aussicht mit den immer tiefer sinkenden Sonnenstrahlen zu genießen war wunderschön.

Tag 5: Olavsbu und Rauddalen

An Tag 5 unserer Tour ging es das sehr schöne Tal Vesladalen entlang bis es dann hinauf ging auf ein Plateau, von dem aus wir weiter Richtung der Hütte Olavsbu durch das Tal Rauddalen wanderten. Wir passierten einen Bergsee nach dem anderen und die Fels-Fjell-Landschaft war für uns beide sehr beeindruckend. Nachdem wir bisher sehr viel Glück hatten mit dem Wetter, setzte plötzlich ein starker Schneeregen ein.

Durch den Schneeschauer hindurch sahen wir dann im Nichts gelegen die wunderschöne Hütte Olavsbu. Als wir in die Hütte gingen konnte man unser beides grinsen förmlich hören: ein wunderschöner, uriger Aufenthaltsraum mit Ofen und Gitarre wartete auf uns!

Den Luxus mit der Hütte nutzten wir dann auch, um unsere Kleidung und Körper einer gründlichen Wäsche mit dem eiskalten Gebirgswasser zu unterziehen. Die gut eingeheizte Hütte sorgte dann auch dafür, dass alles rechtzeitig bis nächsten Morgen trocken war. Den Abend genossen wir bei Schnaps, Nudeln, Feuer, Kerzenlicht und Mau-Mau. Sensationell!

Tag 6: Leirvasbu

Von Olavsbu ging es am nächsten Tag in 6h zuerst Richtung Leirvasbu, dann Richtung Osten durch das Tal Storadalen. Zu Beginn der Etappe wanderten wir durch ca. 15cm hohe Schneefelder, was sehr viel Spaß gemacht hat und weniger anstrengend war als auf dem steinigen Untergrund.

Später ging es entlang einiger größeren Seen zu einem steilen Abstieg ins Tal. Einige Minuten weiter haben wir einen sehr schönen Zeltplatz direkt an einem See gefunden, der uns eine grandiose Aussicht auf die direkt vor uns liegenden Bergspitzen bescherte. Am Abend haben wir dann mit dem in der Umgebung vorhandenen Holz ein kleines Feuer gemacht und uns für den morgigen Tag gestärkt.

Tag 7: Storadalen

Die Nacht war sehr kalt, wahrscheinlich hatte es deutlich unter 0 Grad. Allerdings wurden wir am morgen mit Sonnenschein und schönem Wetter belohnt. Das Frühstück haben wir in der wärmenden Sonne genossen. Der See wurde nach ein paar Metern zu einem großen Wasserfall, diesen entlang ging es runter ins Tal Storadalen. Dort galt es einen einfließenden Fluss zu überqueren. Da allerdings die Sommerbrücke bereits abgebaut wurde, stellte sich das als sehr wagemutige Sache heraus. Mehr durch Klettern als durch Wandern überquerten wir den Fluss erfolgreich. Immer diesen Fluss entlang ging es dann Richtung Gjendebu. Die sehr kräftigen Farben des Herbstes waren auch hier wieder sehr beeindruckend!

Wir sind bereits nach 3,5h Wanderung an der Hütte angekommen. Die Haupthütte war bereits winterfest gemacht und verlassen. Allerdings konnten wir ein Kanu entdecken… Nichts wie ab damit auf den Gjendesee, bei herrlich sonnigem Wetter!

Da wir eine kleine Angel dabei hatten, wollten wir diese natürlich auch ausprobieren – leider ohne Erfolg! Nichtsdestotrotz war der kleine Ausflug super spaßig! Am Abend haben wir es uns dann wieder in der schönen Selbstversorger-Hütte gemütlich gemacht. Da wir diese wieder für uns allein hatten konnten wir uns wieder etwas ausbreiten und unsere Kleider waschen und trocknen.

Tag 8: Gjendebu bis Memurubu

Nun ging es von Gjendebu nach Memurubu. Bei Regen und ziemlicher Kälte kämpften wir uns den total steilen Anstieg auf die Ebene Memurutunga hinauf. Oben ging es dann sehr lange das Plateau entlang. An dessen Ende gab es eine Bergkuppe bis ganz nach vorn an den Gjendesee. Von dort aus ging es wiederum steil bergab zur Hütte Memurubu. Bei Regen ist bei dieser Tour in jedem Fall Vorsicht geboten.

Die Aussicht über den Gjendesee war mal wieder absolut beeindruckend und die links und rechts abfallenden Klippen auch etwas beängstigend (oder zumindest Respekt einflößend).

Wir haben unser Zelt direkt unten am See aufgeschlagen und uns dort für die morgige letzte Etappe ausgeruht.

Tag 9: Besseggengrat und Gjendesheim

Heute sollte es schon auf die letzte Etappe von Memurubu Richtung Gjendebu gehen. Ursprünglich hatten wir geplant hierfür den Weg über den berühmten Besseggengrat zu gehen. Da allerdings das Wetter nicht mitmachte und unsere Muskeln und Knochen doch sehr lädiert waren, entschieden wir uns für die leichtere und kürzere Variante entlang des Sees.

Nach ca. 5h Wanderung immer am Ufer entlang erreichten wir Gjendesheim. Das Ende unserer Wandertour! Von dort konnten wir toll den See zurückblicken und uns erstmals vergegenwärtigen, wo wir die letzten Tage unterwegs waren, was wir erlebt haben und wie wir das Abenteuer Jotunheimen gemeistert haben. Sehr erschöpft aber überglücklich und auch stolz haben wir dort unsere Tour beendet und zur Erholung weitere zwei Tage auf einer Hütte bei Gjendesheim verbracht!
Von Patrick Böttcher

  • /
Project Navigation

Reiseinformationen

Reiseziel: Jotunheimen Nationalpark . Norwegen

Lage: ca. 350 km nördlich von Oslo.

Reisezeit: 10 Tage (15.09. – 27.09.2010)

Strecke: ca. 124 km

Teilnehmer: Patrick und Kamil

Schwierigkeit im Herbst: mittel

Wegpunkte: Gjendesheim – Leirungsdalen – Svartdalen – Gjendebu (Gjendetunga) – Vestadalen – Rauddalen – Olavsbu – Storadalen

Pro: gute Anreise, bunte Vielfalt, keine Mücken, herrliche Panoramas auf Berglandschaft, geeignet für Wanderungen von Hütte zu Hütte, wenig Touristen im Herbst, vielfältige Routen, Herausforderungen auf der Wanderung

Contra: Sommerbrücken teilweise abgebaut, teilweise viel Geröll (wenig Auswahl für Zeltplätze), plötzlicher Wetterumschwung möglich (bis hin zu Schneefall)